In Memoriam: Gene Gendlin

Gene_Gendlin_smileLesen Sie hier, welche Erfahrungen Menschen mit Gene gemacht haben und teilen Sie über das Kommentarfeld auch Ihre eigenen Erfahrungen mit!

7 Antworten auf In Memoriam: Gene Gendlin

  1. Johannes Wiltschko sagt:

    Der Mensch Gene Gendlin ist gegangen, das Werk lebt und wird seine Wirkung und Wirksamkeit erst entfalten. Das Werk: Das sind Tausende Seiten seiner zu Buchstaben geronnenen, gefühlten Gedanken, das sind Tausende Menschen, die sein im Körperlichen gegründetes Denken aufgenommen haben und weiterführen.

    Was Gene gedacht, entwickelt, gesagt und geschrieben hat, ist subtil umstürzlerisch – und es wirkt erst dann und zwar radikal, wenn es nicht nur begrifflich aufgenommen wird. Das, was seine Worte „anrichten“, wenn wir sie hereinlassen, wenn wir sie „arbeiten“ lassen in unserem jeweils augenblicklich gespürten Leben, ist sein Geschenk an uns. Und sein Verdienst ist es, dieses Arbeitenlassen nicht bloß als Praxis entwickelt („Focusing“), sondern diese Praxis als Werkzeug hergenommen zu haben für die philosophische Durchdringung ihrer selbst – ein geniales, lebenslanges Unterfangen.

    Zum ersten Mal getroffen habe ich Gene, als ich 25 Jahre alt war, und ich habe sofort und unmittelbar gespürt, dass er hat (kennt, weiß, darüber etwas sagen kann, …..), was noch ungelöst in mir wartete. Und so hat er von allen Menschen, die ich kenne, am meisten in mein Leben hineingewirkt – als wer, als was? Er war kein Vater, er war kein Lehrer für mich. Einen Vater hatte ich schon, einen Lehrer hätte ich nie akzeptiert. Dem Versuch anderer, ihn zum Vater, zum Lehrer, zum Vorbild zu machen, hat er sich immer sofort und oft barsch entzogen (das habe ich mehrmals beobachtet). Niemals eignete er sich als Vorbild, als Idol oder als Galionsfigur einer Focusing-„Schule“.

    Verbunden hat uns auch, dass wir beide in Wien zur Welt kamen und unsere Kindertage, zeitversetzt, im Alsergrund (9. Bezirk) verbracht haben – beide gleichnah (500 Meter) von Sigmund Freuds „Berggasse“ entfernt. Ich habe immer empfunden und ab und zu auch von Gene gehört, dass ich ihn wirklich verstünde und dass ich sein „Werk“ fortsetzen dürfe und solle. Er stand immer hinter mir, ohne mich zu kontrollieren. Dieses Vertrauen von einem Menschen zu spüren und zugleich diese Freiheit mit demselben Menschen erleben zu dürfen, hat mir den Mut und Zuversicht gebracht, selbständig und dann auch gemeinsam mit anderen „Focusing“ und was damit verbunden war weiterzuentwickeln, zu praktizieren und zu lehren.

    Genes Dictum, Focusing gehöre allen, und kein einziger Mensch (auch er selbst nicht), auch keine Gruppe von Menschen, könnten und sollten jemals bestimmen oder gar definieren können, was Focusing sei, ist für mich ein Motto geblieben, das auch die Focusing-Sommerschule und das DAF überschirmt.

    Dass Gene den fühlbaren Körper als „dem umfassenden Ganzen zugehörig“ erlebte und verstand, dass er die Wahrheit „nicht in den Buchstaben, sondern im Weißen dahinter“ sah, dass er „Gott und andere große Worte“ als Offenes fühlte und nicht mit Worten bekleben, mit Inhalten verstopfen wollte, erweist den warmherzigen Therapeuten und strengen Philosophen als Mitmensch, der das Wort „Spiritualität“ weder mochte, noch je ausgesprochen hat. Aber er wusste, was es für ihn meinte und er lebte darin.

    Danke.

  2. Bernadette Bauer-Stuhlmann sagt:

    4.5.2017

    Gene Gendlin hat, ähnlich wie Victor Frankl, eine positive ERfahrung in einer äußerst lebensbedrohlichen Extremsituation zu einem KOnzept entwickelt und damit der Allgemeinheit zugänglich gemacht.
    Er vermittelte für mich die felsenfeste Zuversicht, dass in jeder Notlage im Menschen selbst eine Quelle der Hilfe und des Trostes präsent ist, die es zu erschließen gilt. Dafür entwickelte er Methoden und machte sie öffentlich.
    Beeindruckend war für mich, wenn ich ihn in Workshops bei seiner Arbeit erleben konnte, seine fühlbare absolute Vertrauens- und Glaubwürdigkeit, sowie seine Menschenfreundlichkeit.
    Er wirkt mit diesem humanistischen Menschenbild und Konzept dem heutigen “Zeitgeist” entgegen und ist für mich nicht verzichtbar.
    Danke, Gene!


  3. “Der Körper ist in der Situation, und die Situation ist im Körper.” Als ich diesen einen Satz wirk-lich erfasst hatte, vollzog sich in mir ein Paradigmenwechsel, und das war weit mehr als ein intellektueller Akt. Das ist x Jahre her. Und auch wenn ich vielleich nur 15 – 20 Prozent von Gene’s “process modell” bisher ähnlich wirk-lich verstanden habe: Es (er!) wirkt und wirkt und wirkt. So gesehen spielt es nicht so eine große Rolle, dass er nun seinen Körper verlassen hat. Danke!


  4. Ich habe Gene Gendlin nie persönlich erlebt – “sein Focusing” hat aber mein Leben verändert. Ich habe die Situation noch sehr präsent als ich – vor etwa 20 Jahren in einer therapeutischen Sitzung – zum ersten Mal bewusst diesen “Felt Sense” wahrnahm … eine sehr große Erleichterung hat das ausgelöst! Es war als hätte ich etwas gefunden, das ich schon immer gesucht oder seit jeher gekannt hatte. Ich war und bin der Therapeutin – und dem Himmel – unendlich dankbar. Und: Danke, Gene Gendlin.

  5. Guido Moser sagt:

    Wie ich zu Gene Gendlin kam.
    Ich war bei einer Master Class für Feldenkrais in Vussen (Nähe Köln). Da kam ein Theologe zu mir reichte mir eine Tonkassette und sagte ” dieser Mann der da spricht wird dir gefallen.” Noch am gleichen Abend hörte ich mir dieses Gespräch zu Focusing, von Gendlin an. Obwohl ich nicht wusste was Focusing ist und auch nicht wer Gendlin war, spürte ich gleich nach einigen gesprochenen Sätzen eine Augenblickliche Frische, Freiheit und Freude in mir.
    Ein Jahr später, war ich auf der Sommerschule im Seminar von Hans Neidhardt und wusste, ich werde die Focusingausbildung bis zum Therapeuten machen. So fing ich damit bei Susanne Kersig in Freiburg an. Ich war so glücklich, dass ich mit meinem Suchen und Forschen nicht mehr alleine war. Es ging weiter mit Klaus in Würzburg, Ulrike in Würth und Johannes im Moorhof bei Salzburg. Ich konnte soviel lernen von und mit diesen wunderbaren Menschen.
    Mein innerer Dialog mit Gene Gendlin begleitet mich bis heute, obwohl ich ihn persönlich nie kennenlernte, spüre ich seine Kraft, Leichtigkeit und Weite bei jeder Focusingsitzung ein bisschen.
    Als mich die Nachricht von seinem Tod erreichte, spürte ich eine Träne und eine unendliche, Stille und Weite ohne Grenzen. Danke!!!

  6. Raymond Trenkle sagt:

    Gene Gendlin — Focusing

    diese drei Worte haben mein Leben und persönliches Erleben grundlegend verändert und lösen heute ein tiefes Wohlgefühl in mir aus, ein Gefühl, dass für mich Heimat ausdrückt, nach hause kommen, zu hause sein.
    Ja, ich glaube dies ist es was ich von Gene Gendlin geschenkt bekommen habe.
    Meinen Weg zu finden um zu mir nach hause zu kommen.
    Einen Weg, den ich jetzt zwar fast 60 Jahre gehe, lange stolpernd, dann mit Focusing lernend, in den letzten 10 Jahren, diesem Weg zu vertrauen und sicherer und selbstverständlicher zu gehen.
    Gene Gendlin bin ich leider selbst persönlich nie begegnet, hatte jedoch das große Glück mit Klaus und Johannes 2 Menschen zu begegnen die Gene Gendlin persönlich kannten und immer wieder im Austausch mit ihm standen.
    Im Kontakt mit Ihnen tauchten immer wieder Geschichten, Erfahrungen aus diesen Begegnungen auf die mir ein lebendiges Bild nicht nur vom Werk, von der Philosophie Gene Gendlins vermittelten, sondern auch von seiner Person und seinem Selbst- und Lebensverständnis.
    Für mich war und ist Focusing „Lebens“-rettend im tiefen Sinne dieser Wortbedeutung.
    Ich bin davon überzeugt, dass dies vielen Menschen so geht die mittlerweile mit Focusing in Kontakt gekommen sind.
    Die Tiefe; Einfachheit und Klarheit die in Focusing und der Philosophie des Impliziten steckt und die Möglichkeit immer wieder die eigene „Wahrheit“ zu entdecken, in einer achtsamen und guten Weise, sind ein großer Schatz für uns Menschen, der umso größer wird je mehr er verteilt wird.
    Gene Gendlin hat mir als Psychologe ermöglicht meine Arbeit neu zu entdecken, eine neues Selbstverständnis zu entwickeln, er hat mir auch gezeigt, dass Philosophie spannend, lebendig, ein persönliches Erlebnis sein kann.
    Ich habe für mich verstehen gelernt, dass lebendiges Dasein, keine Schulen, keine Religionen, keine starren Ideologien, keine falsche Moral braucht, im Gegenteil, dass ich mich Tag für Tag davon freier machen kann und dennoch die Bedeutung all dieser menschlichen Errungenschaften begreifen, verstehen und wertschätzen lernen kann.
    Gene Gendlin hat uns aufgezeigt wie wir, jeder Mensch, der dies möchte, lernen kann der „großen Vernunft“ zu vertrauen.
    Dies ist wohl seine größte Leistung.
    Auf die noch nicht gelesenen Artikel, Bücher von Gene Gendlin, und das noch mal durchstöbern des schon Bekannten freue ich mich, wie auch auf meine eigenen weitere Focusingprozesse und die Möglichkeit etwas davon mit anderen Menschen zu teilen und weiter geben zu können.
    Dass Prozessmodell, an das ich mich nun seit einem Jahr immer mal wieder ran traue, dass mich nicht losläßt, mir immer wieder Neues anbietet, bleibt eine wahre Herausforderung.

    Danke für all dies,
    Gene Gendlin

  7. Hildegard Cha sagt:

    1992 bin ich Gene Gendlin persönlich begegnet.

    Als ich ihn zum ersten Mal im Gruppenraum sah, war ich ein wenig enttäuscht. Dieser einfache, scheue und manchmal fast ein wenig unbeholfen wirkende Mann, der so viel Zärtlichkeit ausstrahlte, soll der Begründer der Focusing Lehre sein?

    Meine Guru-Fantasie malte damals ein ganz anderes Bild von ihm. Es passte so ganz und gar nicht zu Gene Gendlin. Trotzdem meldete ich mich für eine Focusing Arbeit und ich war dankbar, dass er mich begleitete. Als er an einer besonders kritischen Stelle zu mir sagte, er wüsste auch nicht weiter, war das wie ein Schlag für mich. Ich war entsetzt, verängstigt und sprachlos. Seine Aussage verstärkte meine Hilflosigkeit und zerstörte meine Guru-Fantasie. Ich hatte panische Angst. Gene Gendlin blieb ruhig.

    Seine körperliche Präsenz, seine Menschlichkeit, seine Herzenswärme, seine Demut und sein unerschütterliche Glaube, dass immer jemand da ist, haben mir in diesem Moment geholfen. Ich konnte bei mir selbst bleiben und ich war im Kontakt mit ihm und der Gruppe. Diese Erfahrung mit ihm war ein Schlüsselerlebnis für mich.

    Später habe ich verstanden, was es heisst alle Theorien hinter sich zu lassen und einfach nur als Mensch da zu sein. Gene Gendlin hat es mir vorgelebt und in diesem Moment spürte ich seine wahre Grösse und Menschenliebe.

    Diese Menschenliebe spiegelt sich auch in seiner starken Aussage: “Focusing gehört allen.” Für mich entfaltet sich die subversive und radikale Kraft von Focusing, wenn sie zur Lebenshaltung wird und alle Bereiche des Lebens durchdringt.

    Ich bin dankbar für die intensive Focusing Zeit damals und Gene Gendlin für sein Lebenswerk.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.